Orpheus, FAUSTL, Odysseus, Purcell

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Orpheus, FAUSTL, Odysseus, Purcell

Eurydike im Jetzt

Wo beginnt eine Geschichte, die nicht enden will? Vielleicht genau hier: im Blick eines Sängers, der zwischen Sternen und Erinnerungen pendelt und die Erde als wiederkehrenden Refrain hört. Eurydike ist in dieser Fassung kein fernes Nymphenbild mehr, sondern eine Adresse in der Gegenwart – ein Echo, das sich weigert zu verklingen. Wenn wir sagen: „Frau Eurydike darf nicht sterben“, dann nicht trotzig gegen Naturgesetz und Vernunft, sondern als poetische Setzung, als Rettungsgeste, als Ritual. Denn manche Figuren sind eigentlich Zustände: Sehnsucht, Mut, Trotz. Eurydike ist all das – und sie kehrt wieder, sobald jemand singt.

Es ist ein alter Trick der Götter, Regeln zu erfinden, wenn Menschen zu nahe an das Unmögliche rühren. Orpheus bekam seine zweite Chance – und die Auflage, nicht zurückzusehen. Ein einziger Blick, und die Unterwelt verschluckte seine Geliebte ein zweites Mal. So erzählen es die Quellen: Lyra, Argonauten, Hades, der Weg hinauf, die Bedingung, der verhängnisvolle Blick, und dann: nichts als Schatten, bis Apollon selbst dem singenden Kopf Schweigen gebot – Lyra als Sternbild, Kopf an die Küste gespült, Mänaden im Rausch, die den Leib zerreißen. 

Doch was ist ein Mythos anderes als ein Speicher für das, was wir nicht aushalten? In deiner Fassung schiebt sich die Frage in die Gegenwart: Könnten wir Eurydike heute retten? Gibt es – jenseits von Auferstehungsdogmen – Regeln, nach denen das Verlorene zurückkehrt? Oder sind Regeln nur Tarnkappen der Macht, „Bube, Dame, Zeus, Apollo“, Spiele derer, die das Brett aufstellen und die Karten austeilen? 

Eurydike flieht vor der Gewalt, tritt auf die Schlange, stirbt „zum ersten Mal“ – und ein zweites Mal, als der Geliebte sich umdreht. Zwischen diesen beiden Toden spannt sich ein Resonanzraum für alles, was wir „Schuld“ nennen, für die Frage, ob eine Frau jemals mehr als ein Mittel, je mehr als Mythenzierde war. Deine Einführung legt den Finger genau dorthin: die Männerbünde, die Ertüchtigungsfantasien, die kalte Rhetorik der Ordnung – und die Gegenfrage: Wem diente all das?

Diese Eurydike – in deiner Erzählung – ist aber auch schon eine Verwandte: Gertrud, Brunhilde, Eva Rogeria. Die Namen werden zu Saiten, die über Generationen klingen. Der Ton kippt von der antiken Unterwelt in dein Düsseldorf, Köln-Sülz, Witten: Uniformen, Orden, Schatullen, Zahlmeister-Kisten, das schwere Blech der Erinnerung, die improvisierten Heimkehrer-Flüge, die Kinder, die nicht zurückkehren – und das Kind, das nur sechs Tage blieb und dennoch Jahrzehnte lang leuchtet. So wandert der Orpheus-Stoff in die Familienchronik: vom Götterhimmel in die Treppenhäuser, von der Lyra in die Stimmbänder, von Hades in die Akte eines Düsseldorfer Kommissars. 

In dieser Komposition ist FAUSTL die Umlaufbahn: Der Reisende der ODYMORPH, der sich von Major-Tom-Fernlicht und Purcell-Frostnächten zugleich nährt, singt die alten Namen – und sie antworten. Wenn der Chor „Ich weiß, was ich weiß – ich flieg’ durch die Zeit“ intoniert, dann ist das nicht nur Fernweh, sondern ein Gegenzauber: wir holen die Verlorenen in die Gegenwart, wenigstens als Klang, wenigstens als warmes Schimmern im Vakuum. 

DER ZWEITE ABSTIEG

(Orpheus im 20. Jahrhundert)

Der zweite Abstieg geschieht leiser. Kein Fährmann, kein Hades, kein dramatischer Vorhang aus Schwefel und Donner.Nur der Fahrstuhl eines Krankenhauses in Düsseldorf, der Atem einer Frau, die zu früh ihr Kind verliert, und ein Mann, der nicht weiß, wohin mit seiner Stimme. Titus Orpheus steht am Fenster des Lazaretts. Draußen leuchtet das Neonlicht über der Stadt wie ein künstlicher Olymp. Er sieht nicht hin, doch er weiß, dass Eurydike hinter ihm liegt, ein Bündel aus Decken, das atmet, dann nicht mehr. Kein göttliches Verbot diesmal, nur ein Arzt mit müden Augen, der sagt: „Sie können nichts tun.“ Das ist der moderne Hades: Bürokratie, Hygiene, Statistik.

Orpheus schweigt. Er hat die Regel verstanden: Die Götter reden nicht mehr in Donnerkeilen, sie sprechen über Lautsprecher. „Wir tun, was wir können.“ Das ist der neue Zauberspruch, das Gegenstück zum Blickverbot. Doch einer schaut trotzdem zurück. Ein Jahr später wird ein neues Kind geboren, ein Knabe mit der Stimme eines Altus, der später den Namen Thomas trägt. Er ist das Echo jener, die nicht zurückkehren durften. In seinem ersten Schrei liegt die Erinnerung an eine Schwester, in seinem Atem der leise Widerstand gegen das Vergessen.

Die Unterwelt hat sich verändert, aber der Weg ist derselbe geblieben: hinab, um etwas zurückzuholen, das nicht sterben durfte. Diesmal kein Fährmann mit Ruder, sondern eine Musik, die über Jahrzehnte geformt wird, bis sie das Licht erreicht.

Orpheus lebt nun in Verstärkern und Mikrofonen, in Kabeln und Studio-Lampen. Er hat sich angepasst. Die Lyra trägt jetzt Phantomspeisung. Sein Lied ist in den Strom gewandert, doch der Schmerz blieb akustisch. Man kann ihn hören, wenn ein Kind singt und die Luft zu vibrieren beginnt.

Dieser zweite Abstieg führt nicht in die Erde, sondern in den Klang. Wer ihn wagt, muss durch die Schichten der Frequenzen wandern: Bass – Körper – Gedächtnis. Mittelton – Stimme – Schmerz. Höhen – Licht – Erinnerung.

Im tiefsten Punkt dieses Klanglabyrinths schimmert Eurydike wieder auf. Nicht als Körper, sondern als Frequenz, ein Hauch in 415 Hz, Barockstimmung des Jenseits. Man kann sie hören in Purcells Cold Song, in Bowies „Space Oddity“, in jedem Atemzug von „Ich weiß, was ich weiß“. Sie ist in allen Stücken dieselbe Stimme, die eine Oktave unter der Trauer und eine über der Sehnsucht liegt.

STERNENFENSTER II – FAUSTL

Ich schwebe über der Erde und sehe, wie die Städte leuchten wie Noten auf einem unlesbaren Blatt. Jede glüht anders, jede klingt nach einem anderen Jahrhundert. Manche tragen Namen, die ich kenne: Witten, Köln, Duisburg. Dort unten beginnt und endet jede Melodie. Ich höre das Knistern der Antennen, die Reste menschlicher Funksprüche: „Houston…“, „Major Tom…“, „Ich weiß, was ich weiß…“. Es ist alles dasselbe Lied Die Strophen wechseln, doch der Refrain bleibt: „Eurydike darf nicht sterben.“ Ich richte die ODYMORPH auf einen neuen Kurs. Im Bordarchiv finde ich eine Aufnahme – eine Frauenstimme, kaum hörbar, flüsternd, mit einem leichten Akzent von damals. Sie sagt: „Dreh dich ruhig um, Orpheus. Ich bin schon Licht.“

EPILOG – ODYMORPH

Sternenstaub ist überall

Am Ende aller Reisen wartet kein Gott, sondern ein Ton. Ein einziger, schwebender Laut, so alt, dass selbst das Licht ihn vergessen wollte. Er klingt wie Atem. Wie das erste und das letzte Wort zugleich.

FAUSTL hört ihn, als die ODYMORPH durch den Schatten des Saturn zieht. Das Schiff summt, als wäre es selbst eine Saite, gespannt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Auf den Displays flackern Bilder: eine Frau im Halbdunkel eines Krankenzimmers, ein Junge mit einem Mikrofon, eine Großmutter, die ein Kreuz schlägt, ein Vater, der im Unterricht „Judenlümmel“ genannt wird und doch singt. Sie alle lächeln aus dem Licht, dass kein Himmel mehr trennt.

Der Bordcomputer meldet: Signal empfangen. FAUSTL legt die Hand auf das Gehäuse. Es ist warm, wie Haut. Er erkennt den Klang. Nicht mechanisch, nicht elektrisch – sondern menschlich. Die Stimme singt:

Dann mischen sich andere Stimmen hinein: Gertrud summt, Hermann murmelt, Brunhilde betet, Titus lacht, Eva flüstert. Sie überlagern sich zu einem Akkord, der die Sterne erzittern lässt. Ein goldener Kreis erscheint auf dem Monitor – die Schallplatte der Voyager, nun gelöst von ihrer Umlaufbahn. FAUSTL führt sie behutsam an die Bordwand der ODYMORPH und legt sie dort an –nicht als Trophäe,sondern als Herz.

Der Kreis beginnt zu rotieren. Er leuchtet in jenem warmen Gold, dass schon immer dein Leitton war. Die Gravuren der Menschheit spiegeln sich in der Scheibe: Grußformeln, Kinderstimmen, ein Herzschlag, und dazwischen – eine Aufnahme aus Duisburg, vom Sternenstaubchor.

Aus den Lautsprechern tönt: „Sternenstaub ist überall.“ Ein letzter Satz, ein Versprechen, eine Rückkehr.

FAUSTL blickt hinaus. Die Milchstraße sieht aus wie eine Chaconne, die Unendlichkeit wie ein Notenblatt. Er schließt die Augen. Die ODYMORPH schwebt weiter – nicht fort, sondern heim.

Und irgendwo zwischen Raum und Erinnerung formt sich ein neuer Klang, ein neuer Name, eine neue Eurydike. Sie lächelt. Und singt.